Man liest ja immer häufiger davon, wie sich die Medienlandschaft verändert. Da werden Agenturmeldungen ungeprüft übernommen, Grundsätze des Journalismus werden missachtet und manchmal sitzt man auch Betrügern auf. Klar ist: So eine Zeitung will gefüllt werden und gerade in der Sommerzeit ist jede Ente recht.
Gestern las ich jedoch einen Artikel bei dem ich Gänsehaut bekam. Die TAZ schaltete auf ihrer Internetseite den Artikel “Unter Bonushuren – Full Tilt Poker geschlossen” frei und ich musste richtig lachen. Die erste Version des Artikels strotzte nur so vor Rechtschreibfehlern, es schien, als habe man ganze Absätze von Googles-Translate übersetzen lassen, um diese dann unkorrigiert zu übernehmen. Aber da wir ja mittlerweile abgehärtet sind, was Plagiate oder falsches Zitieren angeht, wäre das ja noch zu übersehen.
Was gar nicht geht sind jedoch die inhaltlichen Fehler. Die beginnen schon in der Überschrift “Unter Bonushuren”, wobei “Bonushuren” im Text so erklärt werden:
Die Portale bieten nicht nur Spiele um echtes Geld an, sondern auch ein ausgefeiltes Bonussystem, das die Nutzer animieren soll, in den hauseigenen Online-Shops einzukaufen oder oder an exklusiven Turnieren teilzunehmen. Gute Online-Spieler heißen im Szene-Jargon “Bonushuren”.
Das ist so dargestellt falsch. Es gibt die Online-Shops und es gibt auch Bonussysteme – aber der Zusammenhang zwischen “guten Spielern” und den Bonussystemen wird überhaupt nicht erklärt. Jeder Spieler bezahlt Gebühren für sein Spiel, diese sind unterschiedlicher Art und Höhe. Beim Cash-Game wird von jedem Gesamt-Pott der sog. Rake abgezogen, quasi eine Steuer die sich der Pokeranbieter einverleibt. Wer Turniere spielt, zahlt neben des Eintrittsgeldes auch den Rake, dieser ist fix und wird bei der Anmeldung bereits eingehalten.
Die meisten Pokeranbieter haben sich ein Punktesystem ausgedacht, dem des Payback recht ähnlich. Wer soundsoviel Rake zahlt, bekommt einen Punkt. In den Onlineshops kann man sich dann irgendwelche Dinge mit seinen Punkten “kaufen”.
Die in der Überschrift angesprochenen “Bonushuren” sind jedoch ganz anderer Natur. In den, ichnennsemal, goldenen Zeiten des Onlinepokerns haben etliche Anbieter, zusätzlich zu ihrem Punktesystem, durch spezielle Bonusangebote um neue Kunden oder Vielspieler gebuhlt. Da gab es Angebote wie:
- Zahlen Sie 50$ ein und erhalten Sie 100$ geschenkt
- Zahlen Sie xxx$ ein und erhalten Sie bis zu 1000$ Bonus
- Melden Sie sich an und Sie bekommen 25$ geschenkt (ohne selbst einzuzahlen).
Diese Angebote gibt es auch heute noch, allerdings sehr sehr selten. Damals haben viele Spieler (nicht nur die guten, welche max. 5-10% aller Spieler ausmachen) ein regelrechtes Bonushopping veranstaltet. Sie sind von einem Bonusanbieter zum nächsten gezogen. Daraus entstanden die Bonushuren.
Moneybrokers
Weiter gehts es mit der lustigen Fehlersuche. Da wird beschrieben, dass die irische Firmengruppe die Auszahlung der Spielergelder bei Moneybrokers blockiert hätte.
Die Firma Moneybrokers gibt es nicht. Was der Autor wohl meint ist Moneybookers. Das ist, neben Neteller, eine beliebte Methode um Ein- und Auszahlungen zu tätigen.
Full Tilt Poker selbst hat in einigen Posts auf dem bekanntesten und einflußreichsten Pokerforum dazu Stellung bezogen und sich für Verzögerungen entschuldigt.
Alles in allem ist die “journalistische Arbeit” extrem kurz ausgefallen. Es gäbe so viel zu recherchieren und schreiben. Angefangen beim deutschen UnRecht bezogen auf Poker als auch dem neu auszuhandelnden Glücksspielstaatsvertrag (der u.U. nicht EU-konform sein wird). Dabei haben sich damit schon viele Medien befasst, man müsste nur mal gucken recherchieren. So z.B.
Ich hätte mir da mehr erwartet.
Tante Edith sagt: Selbst die TAZ hat umfangreiches Material zum Staatsvertrag, wäre also ein leichtes gewesen….wäre.