Es ist unfassbar und schockierend. Zumindest für uns und viele andere Gläubiger. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie lange es dauert bis man in Deutschland sein Recht bekommt, wenn man es überhaupt bekommt. Aber der Reihe nach.
Wie ich hier schon mal schrieb, führte meine Frau 8 Jahre lang eine Tanzschule in Berlin-Schöneberg. Als sie schwanger wurde und sich der Nachwuchs unübersehbar in unser Leben “schlich”, sahen wir uns nach einem Käufer für die Tanzschule um. Nach längerer Suche (Tanzlehrer die sich selbstständig machen wollen gibt es nicht wie Sand am Meer), fanden wir einen solchen. Man war sich sympathisch, schnell über den Kaufpreis einig und so wurde ein Kaufvertrag aufgesetzt.
Hier passiert unser Fehler: wir haben ihn nicht notariell beurkunden lassen. Wie gesagt, man war sich ja sympathisch und wollte die 300,-€ für den Notar sparen. Der Vertrag besagte im Groben folgendes:
Bestandteile:
- Kundenstamm (alle Dauerzahler)
- Übernahme Mietvertrag
- Einrichtung (Musikanlage, CDs, Bar, Gastronomieeinrichtung etc.)
Bedingungen:
- Hälfte Kaufpreis sofort (zum 1.7.2008)
- zweite Hälfte per monatlicher Rate ab 1.1.2009
Es war unsere Absicht dem Käufer die Möglichkeit zu geben in den ersten 6 Monaten den Kundenstamm zu pflegen, an sich zu binden und für evtl. Umbauten liquide zu bleiben. Jeder Chef will ja seine eigenen Vorstellungen in ein Unternehmen einbringen. Wir fanden diese Bedingungen sehr nobel von uns und machbar. So hatte der Käufer die Chance, das fette Weihnachtsgeschäft, inkl. Ball und Sylvesterfete abzugreifen, bevor er zahlen muss.
Januar, Februar und März 2009 wurden die Raten getilgt. Im April schon nicht mehr. Wir schrieben ihn an und baten um baldige Behebung. Nix geschah. Auch im Mai und Juni bekamen wir die Raten nicht. Im Juli zahlte er die Rate als sei nichts gewesen. Im August und September 2009 nicht. Wir mahnten ihn jeden Monat, telefonisch war er nicht zu erreichen, also schalteten wir einen Anwalt ein. Der schrieb ihm einen bösen Brief, indem wir ihm anboten eine Ausgleichszahlung zu tätigen und mit sofortiger Wirkung die Monatsraten um 50.-€ zu erhöhen, solange, bis die restlichen aufgelaufenen Schulden beglichen sind und siehe da:
Innerhalb von 7 Tagen bekamen wir zwei der vier nicht gezahlten Monatsraten bezahlt und und auch die Anwaltskosten wurden zur Hälfte beglichen. Dazu muss man wissen, dass sich Anwaltskosten anhand des Streitwertes bemessen, in unserem Fall des Kaufpreises – und nicht unerheblich sind. Natürlich erhöht sich unsere Forderung um die Anwaltskosten, denn wir müssen sie ja auslegen.
Danach ruhte der See still. Keine einzige Zahlung ging seither ein.
Im Oktober 2009 stellten wir einen Antrag auf Mahnbescheid und schickten einen Gerichtsvollzieher los. Im März 2010 meldete der Gerichtsvollzieher dass die Pfändung keinen Erfolg hatte, weil er den Gläubiger nicht angetroffen hat (zu drei Terminen). Von ehemaligen Kunden wussten wir aber, dass der Tanzschulbetrieb läuft - und das nicht schlecht.
Also stellte unser Anwalt im April 2010 für uns den Antrag auf Kontopfändung. Am 18. August bekamen wir Bescheid, dass die Pfändung nun erfolgt ist. Muss man sich mal vorstellen. Das dauert vier (sic!) Monate. Leider wurde uns gleichzeitig mitgeteilt, dass der Schuldner ein sogenanntes P-Konto hat. Und er zwar Guthaben besitzt, wir aufgrund des Pfändungsschutzes jedoch nur 300,-€ bekommen.
Der Witz ist, dass wir wirklich gute Kontakte zu vielen vielen ehemaligen Kunden haben – die teils gute Freunde sind – und wir wissen, dass die Tanzschule nach wie vor gut läuft. Es gibt Tanzpartys, Sonderveranstaltungen und täglich jede Menge Unterricht. Geld müsste also genug da sein. Leider auch genauso viele Gläubiger.
- Die erste Häfte des Kaufpreises hat sich der Käufer von einem guten Freund und seiner Mutter geliehen. Dem Freund hat er das nicht zurückgezahlt.
- Den ersten Ball hat er in Zusammenarbeit mit einer anderen Tanzschule gemacht, auch die hat er nicht bezahlt.
- Beide Mitarbeiterinnen haben monatelang keinen Lohn erhalten.
Im Laufe der anderthalb Jahre haben wir mitbekommen, dass sein Konto zweimal gepfändet war. Wir wissen,
- dass er aus dem Mietvertrag geflogen ist. Ein anderes Unternehmen ist eingesprungen und hat ihm eine Kooperation angeboten (Nutzung auf Stundenbasis),
- dass er, Gelder auf andere Konten verschiebt (Kunden sollen plötzlich auf andere Konten überweisen),
- dass er auch deren Forderung nicht nachkommt und er ab Oktober 2010 ohne Räume da steht,
- dass er seine Kunden belügt und ihnen erzählt, er würde im Oktober in neuen Räumen eröffnen,
- dass er die Kunden betrügen wird, denn er bittet darum dass die Dauerzahler weiterhin bezahlen (auch wenn kein Unterricht stattfindet), und er dies mit Gutscheinen in der “neuen” Tanzschule verrechnen wird,
- dass die neuen Räume (Zeitpunkt heute) leer stehen und total entlegen sind.
Wir kämpfen also seit anderthalb Jahren um unser Recht. Wir möchten, dass er seinen vertraglichen Pflichten nachkommt. Wir haben alle Möglichkeiten des Rechtsstaates genutzt, und stehen trotzdem mit leeren Händen da. Nun haben wir für ihn die Insolvenz beantragt. Sollte er Restschuldbefreiung beantragen und bekommen, werden wir komplett leer ausgehen. Dann fehlen uns nicht nur viele Tausend Euro vom Kaufpreis, auch die Anwaltskosten werden wir gezahlt haben ohne Erfolg gehabt zu haben.
Jetzt kann mir bitte mal einer erklären warum das so, in der Form, in Deutschland passieren kann.
Das hast Du Dir ja wohl kaum alleine ausgedacht, oder? Holla die Waldfee!
Ist leider alles wahr und so geschehen.